Uni-Veranstaltung des Verteidigungsministers gesprengt

10 Apr

Mit dauerhaftem Beifall, allerhand Parolen, von politischen/inhaltlichen wie „Nie wieder Krieg!“, oder auch „Kein Dialog mit Kriegstreibern!“, bis hin zu offen ironischen wie „Wir woll’n den Thomas sehen!“ wurde heute Abend eine Veranstaltung an der HU Berlin mit dem Bundesverteidigungsminister schon vor der Begrüßung seitens des Unipräsidenten gestoppt. Die anwesende Mehrheit des Saales war offenbar nicht gewillt, die Hochschule für die geistige Mobilmachung zu öffnen.

Im Laufe des Veranstaltungs-Versuches folge eine kleine Banner-Enthüllung („Krieg dem Krieg!“), ein Die-In einiger Personen auf der Bühne mit Hilfe von scheinbar blutbefleckten Oberteilen und Ratlosigkeit seitens jener, die gern der Schein-Legitimation deutscher Kriegseinsätze den Boden bereiten mochten.

Nachdem der Herr Minister vergebens per Word-Dokument und Beamer  zur Diskussion aufrief und schließlich aufgab, verkündete der Uni-Präsident auf die gleiche Weise (also schriftlich projeziert), er werde für die Freiheit des Wortes und den Meinungsaustausch so lange bleiben, bis er entweder rausgetragen oder angehört werde. Dies wurde mit dem Sprechchor „Wegtragen!“ beantwortet; auf einen freundlichen Versuch zweier Menschen, ihn wegzubitten, ließ er sich allerdings nicht ein.

Sowohl der Minister als auch der Uni-Präsident Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz müssen sich nun, sollten sie sich über fehlende Dialogbereitschaft beschweren, mindestens folgende Fragen gefallen lassen:

1. Wie wird die „Freiheit des Wortes“ bzw. das „Wort“ definiert? Wenn in einem Saal jede hörbare Meinungsäußerung durch die „Gegenseite“ übertönt und so gewissermaßen verhindert werden kann, hat dann nicht die Seite, die zusätzlich über visuelle Mitteilungsmöglichkeiten verfügt (sprich: Beamer) mehr Möglichkeiten zur „Freiheit des Wortes“?

2. Die kriegführende Seite bekommt die Möglichkeit, eine Veranstaltung zu gestalten. Menschen, die hingegen Bundeswehr-Transporte blockieren, wie die „Raytheon 9“ Waffenproduktion behindern oder auf andere Weise versuchen, für eine waffenfreie Außenpolitik einzutreten, würden wohl kaum eine Veranstaltung im Audimax mit Grußwort des Uni-Präsidenten bekommen können. Sieht so ein gleichberechtigter Dialog aus?

3. Wie steht es eigentlich mit der „Freiheit des Wortes“ jener Menschen, die als Feinde eingestuft und erschossen werden? Schließlich bleibt keine Zeit, zuzuhören, wenn die (scheinbare) Angst besteht, gleich vom potentiellen „Feind“ erschossen zu werden. (Augen öffnend dazu ein Artikel in „The Times“ vom 13. März 2010 zu einem mehrfach tödlichen Schusswechsel in Afghanistan: „Both sides thought the other group was Taleban.“ Leider nicht mehr direkt online, aber noch auffindbar.)

Die heutige Veranstaltung war übrigens laut dem AP-Bericht die erste dieser Art, bei dem Maizière überhaupt nicht zu Wort kam und so keine Möglichkeit fand, tödliche Gewalt hörbar legitimieren zu können. Schriftlich hat er es nicht versucht, aber da findet sich genug in Broschüren und auf der Internetpräsenz der Bundeswehr, in der Geschichte mancher Religionen wie auch in der Diskussion um eine „Schutzverantwortung“.

Doch wenn wir mutmachende Beispiele von Konfliktlösungen anschauen, wie in Angola, Mosambik, Burundi; in Liberia oder auch 1996 in Mali, mit Waffenverbrennungen, dann bleiben wir dabei: Eine solche Legitimation kann es nicht geben und (nicht nur) Hochschulen dürfen kein Ort werden, um Schein-Legitimationen tödlicher Gewalt zu verbreiten.

PS: Zum möglichen Zusammenhang von Staat und Krieg, wie er auch in Slogans wie „Nie wieder Deutschland – nie wieder Krieg!“ anklingt, empfiehlt sich das Buch „Staat und Krieg: Die historische Logik politischer Unvernunft“ von Ekkehart Krippendorff, emeritierter Professor der FU Berlin.
Das Buch ist eine Lektüre wert und die Frage, ob und inwiefern Staat und Krieg zusammenhängen, sollte auch ein paar akademische Überlegungen wert sein.
Dass die Forderung (oder als akademischer Dialog betrachtet: These) „Nie wieder Deutschland!“ einer Humboldt-Uni für „nicht würdig“ befunden wurde (per Beamer) deutet in diesem Zusammenhang auf eine eingeschränkte Bereitschaft hin, sich akademischen Fragestellungen zu stellen.

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5 Antworten to “Uni-Veranstaltung des Verteidigungsministers gesprengt”

  1. Kerveros April 11, 2013 um 6:16 am #

    Selten so einen unausgegorenen Unsinn gelesen.
    zu 1. Ein Vortrag ist ein Vortrag ist ein Vortrag… und keine Meinungsäusserung… soll der Minister jetzt anfangen sienen Text auf die Folien zu tippen (so er da überhaupt eine Tastatur hatte?)
    zu 2. „würden wohl kaum“ heisst sie mutmaßen, haben es aber nicht einmal verifiziert… mit welchem Recht maßen Sie sich an, dies beurteilen zu können?
    zu 3. Sie begehen einen Grundlegenden Fehler Systeme zu vergleichen. Das Grundgesetz gilt für Deutsche und ergo ist die Anwendbarkeit auf ihr Beispiel schon systemisch nicht gegeben….

    Fazit: Sie haben (a) Demokratir nicht verstanden und (b) scheinen Sie sich wohl ihrer Rechte im Rechtsstaat bewusst zu sein, wohl aber zu vergessen, dass es auch Pflichten gibt. Die Rechte des Einzelnen enden da, wo sie die der anderen Einschränken. Mit welchem Recht behindert man also die Redefreiheit des Ministers, meint aber diese für sich beanspruchen zu dürfen… ?

  2. von Wohlstein April 11, 2013 um 8:17 am #

    Ich bin selbst Student, würde mich als links stehend bezeichnen und als Pazifist.
    Aber das faschistoide Auftreten der geistigen Tieffliegerstudenten ist mir sehr peinlich.
    Durch die illosion des Friedens geblendet und von dummen Vorsätzen geprägt rennt der Unipöbel los und geilt sich in der annonymen Masse zum hirnlosen Protest auf. Auch ohne Waffen gibt es noch immer böse Menschen. Ein Beispiel: Die dumme Masse an Studenten übernimmt die Macht. Wie sollen dann die wenigen Klugen diese Macht brechen? Sie greifen zu besseren Waffen um die Masse zur besinnung zu bringen. Der Ausspruch „Scheiß Deutschland“ ist wohl das dümmste was ich je gehört habe und in meinen Augen, aufgrund der unüberlegtheit, ein Grund zur Exmatrikulation. Dann geht ins Ausland und macht Platz an der Uni oder hängt euch in dem Garten des Einfamilienhauses eurer Eltern an einen Baum. Die Studenten die soetwas Skandieren sind einfach nur dumme, realitätsferne, von ihren Eltern verzogene Gören, die nichteinmal in der Lage wären die Freiheit gegen eine Ameise zu verteidigen.
    Die Komplexität zwischen Frieden und Krieg, Waffen, Schutz und Schutzlosigkeit zu erklären wäre vergebens da die meisten Studis pazifistisch verblendete Faschisten sind.
    Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, die meisten Studenten haben Glück das sie in Deutschland leben und studieren können, denn in der Realen Welt würden sie keinen Platz finden und würden ausgelacht werden. Die Dummheit, der ich tagtäglich durch meine meisten Mitstudenten ausgesetzt bin, bezeichne ich als Gewalt und Körperverletzung.

    Ich schäme mich für diesen Studimob und diese Dummheit der Masse find ich lustig aber sie macht mich auch traurig.

    PS. solltet ihr mein Komentar nicht veröffentlichen, beweist das nur euren Meinungsfaschismus. Ich hätte den Unisaal von der Polizei räumen lassen, Hundertschaft rein und fertig.

    • pacifare April 11, 2013 um 7:52 pm #

      Ich glaube nicht, dass das näher kommentiert werden muss.
      Aber eine Richtigstellung ist angebracht: Weder war gestern „Scheiß Deutschland“ zu hören (denkbar wäre höchstens, dass die AP-Vertretung das von einzelnen wenigen Personen gehört hat), noch wurde per Beamer „Wer hat Angst davor, ein Argument zu hören?“ an die Wand gestrahlt … das wurde also von der Presseagentur überspitzt. Auch ein „Brüllen“ und „Niederschreien“ lässt sich nicht bestätigen: Allein durch die Menge der Protestierenden wurde eine gewisse Lautstärke erreicht.

  3. Dr. Laura Sampalainen April 11, 2013 um 6:05 pm #

    Da Sie Ekkehart Krippendorff erwähnen: Ich habe bei ihm studiert. Ich wurde u.a. von ihm promoviert. Er dürfte den gestrigen Tag als große Niederlage des wissenschaftlichen und demokratischen Diskurses schmähen. Dessen kann ich Sie versichern.
    An der HU wurden in zwei Phasen Andesrdenkende niedergebrüllt. Die einen hatten ein braunes, die anderen ein blaues Hemd. Beide Hemdenträger gaben die Traditionslinie für die gestrige Form des Protests. Die selbsterklärten Flashmobber zeigten sich des Dialogs unfähig und unwillig. Wer des Gegners Argumente nicht mehr aufnimmt, kann Sie nicht reflektieren. Das ist das Ende der Wissenschaft und die Stunde der intellektuellen Beleidigung. In der Tat Ekkehart Krippendorff sei Ihnen Allen als Lektüreempfehlung gegeben.

  4. Klaus W. aus Bonn April 13, 2013 um 5:08 pm #

    Ist irgendwie peinlich angesichts der Krisen in Nordkorea, Mali, Afghanistan und Sudan hier unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit einen demokratisch legitimierten Politiker an seiner Meinungsäusserung in einer Form zu hindern, die in der Zeit kurz vor 1933 an der Tagesordnung war. Nur die besser Moral auf seiner Seite zu haben, das reicht nicht als Legitimation für so einen Unsinn. Hier wurde die Chance für einen Dialog leichtfertig und vorsätzlich verspielt! War das angemessen, oder hat man dabei nur an die Reflexionen in der Presse gedacht? Woher kommt dies typisch deutsche Arroganz, immer nur zwischen den Extremen zu wandeln? Entweder methodischer Völkermord oder selbstverliebter Totalpazifismus wie beim Nato-Doppelbeschluss…ich verstehe diese Land und seine so moralisch überlegenen MINDERHEITEN nicht…schade. Mit ein bisschen mehr Bezug zur Realität und zum Militär wie in England oder Frankreich, wäre dies ein anderes Land

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